Vielfalt: Wie unterschiedliche Generationen zu Erfolgsteams werden
Altersgemischte Teams sind in Zeiten von demografischem Wandel und Fachkräftemangel nicht nur unumgänglich – mehr Vielfalt führt sogar nachweislich zu besseren Arbeitsergebnissen. Doch in der Praxis prallen die Wertvorstellungen und Kommunikationsformen von Jüngeren und Älteren oft aufeinander. Was sind die erfolgreichsten Wege, um zwischen den Generationen stabile Brücken zu bauen?
Die Stereotype sind schnell an die Wand gezeichnet: Auf der einen Seite die junge Mitarbeiterin, die sich wie ein Fisch im Wasser in der Welt der digitalen Tools bewegt, am liebsten nur Chat-Nachrichten versendet, ständig auf tiktok unterwegs ist und nur noch gelegentlich „analog“ im Büro vorbeischaut. Und auf der anderen Seite der ältere Kollege, der über die Ansprüche der Generation Z den Kopf schüttelt, stundenlang telefoniert und persönliche Meetings schätzt aber die ständig neuen Plattformen, Tools, und Channels eher lästig, vielleicht sogar bedrohlich findet.
Es knirscht nicht unbedingt selten
Gegenseitiger Respekt ist in solch einer polarisierten Arbeitswelt nicht leicht zu finden. Wie soll man da vernünftig zusammenarbeiten? Tatsächlich knirscht es, wo die Generationen zusammenarbeiten, nicht unbedingt selten. Der rasante Wandel der Arbeitswelt durch den Einzug einer Vielzahl digitaler Tools bis hin zur KI trifft auf mehrere Generationen von Beschäftigten, von den Babyboomern bis zur Generation Z – mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen, Erfahrungen und Bedürfnissen. So finden, wenig überraschend, immerhin 56 Prozent aller Mitarbeitenden das Arbeiten in generationenübergreifenden Teams herausfordernd, wie die Studie „Digitale Etikette: Mind the generational Gap“ des Softwaredienstleisters „the adaptavistgroup“ erfragt hat.
Vier Generationen – vier Erfahrungs- und Wertewelten
Babyboomer (1946–1964):
Werte: Loyalität, hohe Arbeitsmoral
Arbeitsweise: persönliche Meetings und direkte Kommunikation, Überstunden als Beweis für Engagement
Generation X (1965–1980):
Werte: Work-Life-Balance und Selbstständigkeit
Arbeitsweise: Mix aus analogen und digitalen Tools, flache Hierarchien
Millennials / Generation Y (1981–1996):
Werte: Priorität auf Sinn und persönlicher Entwicklung in der Arbeit
Arbeitsweise: bevorzugt digitale Kommunikation
Generation Z (1997–2012):
Werte: Digitale Natives (Generation Youtube), gewöhnt an ständige Erreichbarkeit
Arbeitsweise: direkte, schnelle und visuelle Kommunikation über soziale Medien, starker Fokus auf Work-Life-Balance, klare Abgrenzung zwischen Beruf und Freizeit
Die Belegschaft wird älter
Dabei ist der digitale Wandel der Arbeitswelt vor allem für die älteren Arbeitnehmer ein Problem, während die Jungen nichts anderes kennen – so die weitverbreitete Annahme. Das mag im Einzelnen ungerecht sein, denn auch in der Generation X sind viele bereits digital hoch kompetent. Die verallgemeinerte Wahrnehmung ist dennoch deutlich: So glauben laut Umfrage der adaptavistgroup 65 Prozent der Angestellten, dass ältere Kollegen sich schwertun, mit der technischen Entwicklung schrittzuhalten – und wenig Interesse hätten, sich fortzubilden.
Das belastet das Verhältnis zwischen Jung und Alt – und führt dazu, dass Ältere sich in der aktuellen Arbeitswelt oft nicht mehr ernst genommen und an den Rand geschoben fühlen. Der bekannte Arbeitsforscher Hans Rusineck fasste es kürzlich so zusammen: „Wer mit 60 Jahren noch ernst genommen werden möchte in dieser Arbeitswelt, dem kann man nur viel Glück wünschen – und ein paar bunte Sneaker!“
Gleichzeitig kann das auf Dauer nicht so bleiben, denn der Arbeitsmarkt in Zeiten des Fachkräftemangels ist immer mehr auf ältere Arbeitskräfte angewiesen. Die Belegschaft in Deutschland wird älter: In den letzten 20 Jahren ist die Erwerbsbeteiligungsquote der über 55-Jährigen um acht Prozent gestiegen. Arbeitsforscher Rusineck schätzt sogar, dass im Jahr 2100 vier von zehn Mitarbeitenden über 60 Jahre alt sein werden.

Talente zusammenbringen für Komplementaritätseffekte
Zudem ergeben sich enorme Vorteile, wenn es den Generationen doch gelingt, sich zusammenzuraufen. Studien heben hervor, dass altersgemischte Teams oft innovativer sind als homogene Gruppen. Der Grund: Unterschiedliche Erfahrungswerte führen zu einem breiteren Spektrum an Lösungsansätzen. Jüngere Mitarbeitende bringen technologische Expertise und frische Ideen ein, während Ältere strategisches Denken und langjährige Erfahrung beisteuern und theoretische Konzepte besser auf ihre Praxistauglichkeit abklopfen können.
Uschi Backes-Gellner, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich, nennt das „Komplementaritätseffekte“ beim Zusammenspiel von älteren und jüngeren Arbeitskräften. „Wenn wir diese beiden Talente zusammenbringen, sind beide zusammen produktiver als die Summe ihrer einzelnen Produktivitäten. Unsere empirischen Untersuchungen haben bestätigt, dass es tatsächlich solche zusätzlichen Produktivitätseffekte gibt, die über die Produktivität der Einzelnen hinausgehen. Das Interessante ist, dass diese Effekte in kreativen, innovativen Firmen besonders stark sind, stärker als in traditionellen Firmen.
„Denn kreative, komplizierte Herausforderungen brauchen diese unterschiedlichen Kompetenzen der verschiedenen Altersklassen besonders.“

Seniorenexperten als Wissensbewahrer
Unternehmen wie Bosch setzen bereits seit vielen Jahren auf das Modell der Seniorexperten, bei dem sogar die Kollegen, die in den Ruhestand gehen, ein Teil des Unternehmens bleiben. Und zwar, damit das über Jahrzehnte gewonnene Wissen und die praktische Erfahrung der Seniorexperten dem Unternehmen erhalten bleiben. Der Bosch-Expertenpool besteht inzwischen aus über 2400 ehemaligen Mitarbeitern weltweit, die auch als Ruheständler noch aktiv bleiben wollen und für Aufgaben in Entwicklung bis Marketing, für Vorträge, Konstruktionsunterstützung, Mentoring oder auch Interimsmanagement angefragt werden können.
Die Chancen der Altersvielfalt nutzen – Auf Augenhöhe
Um die Chancen von Altersgemischten Teams nutzen zu können, kommt es heute vor allem auf kluge Führungsmethoden an. Vorgesetzte können mit den richtigen Maßnahmen die Barrieren zwischen den Generationen abbauen und die Kommunikationskanäle des Teams so gestalten, dass sich alle integriert fühlen.
Geeignete Maßnahmen sind zum Beispiel:
➡ Formate schaffen, in denen die Generationen ins Gespräch kommen und ihre Erwartungen austauschen können. Zum Beispiel können Workshops oder moderierte Gespräche helfen, Missverständnisse zu vermeiden und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.
➡ Schrittweise und unterstützte Einführung von neuen Technologien. Niemand sollte sich gezwungen fühlen, sich von heute auf morgen komplett umzustellen. Praxisnahe Schulungen, Peer-Learning und die Möglichkeit, alte und neue Methoden zu kombinieren, erleichtern den Übergang.
➡ Mentoring-Tandems bieten sich an, um Ältere mit neuen digitalen Tools vertraut zu machen und gleichzeitig Jüngere in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Dabei coachen sich Jüngere und Ältere gegenseitig – als Team mit komplementären Kompetenzen und auf Augenhöhe. Jüngere bringen dabei Älteren zum Beispiel bei, wie man souverän digitale Tools nutzt. Die Älteren wiederum können jungen Talenten strategische Tipps geben und ihnen zeigen, wie man mit Widerständen umgeht, komplexe Verhandlungen führt oder ein langfristiges Netzwerk aufbaut.
Diese Art des gegenseitigen Lernens hilft, Vorurteile abzubauen und schafft Synergieeffekte. Und auch beim Telefonieren können die Älteren der Generation Z noch etwas beibringen. So sind laut der adaptavistgroup-Umfrage 53 Prozent der Vertreter der Generation Z neidisch auf die Telefonkompetenz älterer Generationen, weil sie längst nicht so geübt zum Hörer greifen wie ihre Vorgänger.
Entscheidend sei vor allem, dass Führungskräfte immer wieder die verbindenden Gemeinsamkeiten erkennbar zu machen, so Arbeitsforscher Rusineck. Denn:
„Wir alle wollen unsere Fähigkeiten entfalten. Wollen dafür Anerkennung bekommen. Wollen einen sinnvollen Beitrag leisten.“
In einem Arbeitsumfeld, das Offenheit und gegenseitigen Respekt fördert, kann Generationenvielfalt so tatsächlich für zufriedenere Mitarbeitende sorgen – und auf dem schwierig bleibenden Arbeitsmarkt einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil schaffen.
