Fehlerkultur – Früher Tabu, heute Motor der Veränderung?
Es ist ein Naturgesetz: Wo Menschen handeln, geschehen Fehler – auch wenn es niemand möchte. Am Arbeitsplatz konstruktiv mit diesem Umstand umzugehen – das nennt sich moderne Fehlerkultur. Und diese Idee hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere absolviert: Häufig wird in Unternehmen und Verwaltungen inzwischen der Mut zum Scheitern beschworen, verbunden mit Offenheit, Vertrauen, Lernbereitschaft.
In der Praxis ist dies allerdings schwer umzusetzen, denn oft bleiben tief verankerte Muster bestehen. Die Angst vor Gesichtsverlust, Schuldzuweisungen, oder Sanktionen verhindert nach wie vor, dass offen über Fehler gesprochen wird. Gerade in der Verwaltung – mit ihren klar geregelten Abläufen, starren Hierarchien und ihrer hohen Fehlervermeidungslogik – ist die Bereitschaft zum Risiko nicht selbstverständlich.
Doch auch hier kommen Dinge immer mehr in Bewegung. Ein Zeichen dafür sind innovative Gesprächsformate wie die ursprünglich im Startup Milieu entwickelten „Fuckup-Nights“, die inzwischen auch in Verwaltungen Einzug halten. Nicole Röttger ist Initiatorin des Veranstaltungsformats „GeScheiterWeiter“, der ersten FuckUp-Night für Verwaltung und Behörden. Im Interview erklärt sie, was eine gute Fehlerkultur eigentlich ausmacht, welche speziellen Anforderungen in der Verwaltung bestehen und warum es am Ende immer auf die Führung ankommt.

Frau Röttger, Sie organisieren ein Veranstaltungsformat mit dem Titel „GeScheiterWeiter“ – wie kamen Sie auf die Idee?
Nicole Röttger: Die Idee entstand mitten in der Corona-Zeit – als klar wurde: Wenn sich die Rahmenbedingungen immer dynamischer verändern, muss auch die Arbeitsweise der Verwaltung mithalten. Wir haben damals gemerkt, dass es viele Menschen in den Behörden gibt, die den Veränderungsprozess wollen, sich aber oft allein fühlen. Also wollten wir ihnen eine Bühne geben. Inspiriert von den Fuckup-Nights der Startup-Szene haben wir ein Format entwickelt, in dem das schrittweise Lernen, also das Schlauwerden aus Experimenten und Misserfolgen, im Mittelpunkt steht.
Wir haben uns dann für den Namen GeScheiterWeiter entschieden, ein Wortspiel. Scheitern will ja niemand freiwillig, aber es geht ums kontrollierte Ausprobieren. Mit dem Wissen, dass nicht alles sofort klappt und planbar ist – aber dass es immer wieder weitergeht, wenn wir gemeinsam Erfahrungen reflektieren und daraus lernen können.
Woher kommt die Idee der „Fuckup-Nights“ ursprünglich?
Nicole Röttger: In der Start-up-Welt ist das Scheitern ein zelebrierter Teil der Arbeitskultur. Fuck-up-Nights zeigen auf humorvolle Weise, was nicht funktioniert hat. Das ist eine Gegenbewegung zur Hochglanz-Inszenierung: Man feiert also nicht nur die Erfolge, sondern reflektiert auch die Misserfolge und erkennt an, dass sie wichtig sind und zum innovativen Prozess dazugehören.
Was macht eine gute Fehlerkultur aus?
Nicole Röttger: Zentral ist: weg von der Schuldfrage und hin zu der Frage, wie wir besser werden können. Eine gute Fehlerkultur bedeutet: regelmäßig Feedback geben, reflektieren, auch loben. Und Räume schaffen, in denen man Neues ausprobieren darf. Führungskräfte müssen dabei vorangehen – sie müssen den Raum für Experimente ermöglichen und auch selbst damit umgehen können, wenn mal etwas nicht klappt.
Um damit zu beginnen, kann man sich Anregungen aus der Start-up-Welt holen – oder von anderen Verwaltungen, die mutig vorangehen. Es hilft, sich mit anderen zu vernetzen, Erfahrungen zu teilen, kleine Experimente zu starten. Auch interne Formate wie kurze Retrospektiven oder regelmäßiges Teamfeedback können viel bewirken.
Wie findet eine GeScheiterWeiter-Veranstaltung konkret statt?
Nicole Röttger: Unser Format ist rein digital. Die Teilnehmenden bewegen sich als Avatare auf einer interaktiven Plattform – bevor es losgeht, können sie sich erst mal gemütlich umsehen, sich begegnen, Go-Kart fahren oder zum Spaß ein virtuelles Faxgerät bedienen. Dann geht’s zur Bühne: Vorab machen wir kleine Warm-ups, damit die Leute ins Gespräch kommen. Dann erzählen Menschen aus der Verwaltung in zehn Minuten sehr persönlich von einem Projekt, das nicht glatt lief – und was sie daraus gelernt haben. Es folgen Fragen aus dem Publikum.
Fünf Tipps für eine bessere Fehlerkultur im Team
1. Fehlerkultur entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gelebte Haltung. Führungskräfte müssen ein Umfeld schaffen, in dem niemand Angst haben muss, für Fehler bestraft oder bloßgestellt zu werden. Wer eigene Fehler eingesteht und offen reflektiert, schafft Raum für ehrliche Gespräche und Weiterentwicklung im Team.
2. Die Schuldfrage konsequent vermeiden
Statt reflexartig zu fragen: „Wer war’s?“, hilft die Haltung: „Was können wir daraus lernen und verbessern?“
3. Feedback zur gemeinsamen Routine machen
Konstruktives Feedback – regelmäßig und beidseitig – ist essenziell für eine offene Fehlerkultur. Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Kurze Nachbesprechungen nach Meetings oder Projekten reichen oft schon, um Reflexion und gemeinsames Lernen zu fördern.
4. Raum für sicheres Scheitern schaffen
Nicht überall sind Fehler erlaubt – aber dort, wo Neues entsteht, muss es möglich sein, Dinge auszuprobieren. Führungskräfte sollten gezielt solche sicheren Räume eröffnen: klar umrissene Projekte und kleine Experimente sind gute Spielfelder dafür.
5. Transparenz und Austausch fördern – auch über Hierarchien hinweg
Eine gute Fehlerkultur lebt vom Gespräch. Wer offen teilt, was nicht funktioniert hat, hilft anderen, es besser zu machen. Das funktioniert besonders gut, wenn auch über Hierarchiegrenzen hinweg offen kommuniziert und zugehört wird.
Wie ist die Resonanz – und warum ein Angebot speziell für den öffentlichen Dienst?
Nicole Röttger: Zur ersten Session kamen bereits 25 Leute, trotz nicht selten erheblicher technischer Hürden in den Verwaltungen. Mittlerweile sind bis zu 80 Teilnehmende da und wir haben viele Stammgäste – aber auch weiterhin viele neue Gäste. Unser Angebot richtet sich gezielt an Menschen aus Verwaltungen und verwaltungsnahen Organisationen, denn dort ist die Angst, Fehler zu machen, besonders groß. Fehler gelten schnell als Makel, nicht als Lernchance – dabei braucht gerade die Verwaltung Räume für Experimente. Wir bieten der von „Fehlerangst“ geprägten Verwaltung einen geschützten Raum. Hier gibt es kein Fingerpointing, sondern oft sehr positive Resonanz für die Vortragenden – und Erleichterung, dass es anderen auch so geht.
Sprechen sich die Teilnehmenden mit ihren Teams oder Vorgesetzten ab, wenn sie von Projekten berichten?
Nicole Röttger: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, manche holen sich schon das OK ihres Vorgesetzten – und manchmal kommen ganze Teams zusammen in unsere Veranstaltung. Wir begleiten die Entwicklung der Geschichte auf jeden Fall sorgfältig und achten darauf, dass niemand bloßgestellt wird. Die Vorträge sind also meist so gehalten, dass sie das Problem zwar anschaulich schildern, aber niemals konkrete Personen an den Pranger stellen.
Was für Formen des Scheiterns kommen besonders häufig zur Sprache?
Nicole Röttger: Es geht um die Stolpersteine, die bei dem Versuch, Neues zu probieren, im Weg liegen. Zum Beispiel: Ein Workshop wird groß angekündigt, aber niemand kommt. Ein agiles Stand-up-Meeting wird eingeführt, und das Team steht ratlos vor der Wand mit den Post-Its. Typische Kommunikationspannen, kulturelle Missverständnisse oder darum, dass eine gute Idee nicht gezündet hat. Entscheidend ist immer: Was habe ich daraus gelernt? Wo würde ich es heute anders machen?
Schwerpunkt sind Digitalisierungsthemen und neue Formen der Zusammenarbeit?
Nicole Röttger: Absolut. Digitalisierung ist eigentlich der rote Faden. Die Geschichten handeln meist davon, wie Verwaltungen neue Technologien einführen – sei es die E-Akte, KI-Strategien oder neue Formen der Zusammenarbeit. Dabei zeigen sich klassische Hürden: starre Zuständigkeiten, begrenzte Ressourcen, komplizierte Sicherheitsvorgaben oder auch fehlendes Nutzerverständnis.
Wo drückt denn der Schuh gerade besonders?
Nicole Röttger: Die Verwaltungen beschäftigen sich aktuell intensiv zum Beispiel mit Fragen wie: Wie gehen wir mit KI um? Müssen wir neue Zuständigkeiten schaffen oder brauchen wir bereichsübergreifende Strategien? Wie arbeiten wir mit unserem IT-Dienstleister zusammen – kann der überhaupt liefern, was wir brauchen? Ein weiteres großes Thema ist der Personalmangel und natürlich die Finanzen: Es muss unglaublich viel umgesetzt werden, aber die Mittel sind extrem knapp. Das OZG – das Onlinezugangsgesetz – war zuletzt ein Riesenthema. Jetzt steht die Registermodernisierung an, und auch die Digitalisierung der Bürgerservices wird uns weiter beschäftigen. Ein weiteres Feld ist das Projektmanagement. Projekte hängen auch heute noch oft an einzelnen Stabsstellen – ohne die nötige Struktur. Dabei müssten sie strategisch ganz anders aufgesetzt werden. Es geht immer um das Spannungsfeld von Veränderungsdruck und Verwaltungspraxis.
Haben Sie Best-Practice Beispiele für uns? Welche Verwaltungen haben sich schon aufgemacht?
Nicole Röttger: Ja, einige sind schon richtig mutig unterwegs: Kiel ist mein Lieblingsbeispiel. Die Stadt hat völlig verwaltungsunüblich 100 Stellen ohne klares Profil maximal breit ausgeschrieben und dann nach Eignungen zugeordnet, viele neue Mitarbeitende sind Quereinsteiger. Außerdem haben sie ein „Flex-Team“ aufgebaut, das dort unterstützt, wo gerade Not am Mann ist. Mönchengladbach hat ein agiles Bootcamp ins Leben gerufen, in dem Mitarbeitende experimentieren und verschiedene Methoden ausprobieren. Berlin betreibt mit dem CityLab ein echtes Experimentierlabor der öffentlichen Verwaltung. Und Mecklenburg-Vorpommern hat mit unserer Hilfe sein OZG-Programm bewusst erst im Kleinen getestet, bevor es in die Fläche ging. Dort wurde das gesamte Projekt zuerst mit überschaubarem Aufwand durchgespielt, um herauszufinden, wo es in den Abläufen noch hakt. Erst nachdem die Prozesse erprobt und angepasst waren, wurde das Projekt skaliert. Die Logik dahinter: Es soll nicht erst beim großen Rollout wehtun, sondern lieber bereits im Kleinen sichtbar werden, wo es hakt. Denn dann kann man Fehler viel besser erkennen und gegensteuern.